Bleib treu
Heute Morgen war sie plötzlich da, diese leise Stimme: „Bleib treu.“
Es ist noch früh. Still. Der Tag hat noch nicht richtig begonnen. Noch keine Anforderungen, keine Entscheidungen, kein Abwägen. Wieder diese Stimme: „Bleib treu.“ – Wem soll ich treu bleiben?
Später sitze ich in einem Kaffeehaus mit einer Bekannten, ich nenne sie hier Anja, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Sie ist deutlich älter als ich und erzählt mir, was in den vergangenen Jahren alles passiert ist. Von Herausforderungen, denen sie sich gestellt und die sie gemeistert hat. Von ihren abgeschlossenen Studien, einem Buch, das sie geschrieben hat, von dem Ansehen, das sie sich erarbeitet hat. Ich höre ihr zu und denke: Was für eine kluge, erfahrene Frau.
Dann wird sie plötzlich still. „Weißt du“, sagt Anja nach einer Weile, „manchmal höre ich so eine Stimme. Meistens in der Früh, wenn ich sehr früh aufwache.“ Ich schaue sie an. „Was sagt sie?“ – „Bleib treu.“
Für einen Moment sage ich nichts. Anja erzählt weiter. Wenn sie diesen Satz hört, denkt sie zuerst an ihren Mann. Natürlich sei sie ihm treu. Und doch wünsche sie sich manchmal, ihre Beziehung wäre wieder ein wenig wie früher. Lebendiger. Leichter. Sie vermisse diese Nähe, diese emotionale Nähe, die einmal zwischen ihnen war.
Dann vertraut sie mir etwas an, das unter uns bleiben soll. Es gibt einen anderen Menschen. Bei ihm spürt sie etwas, das sie schon lange vermisst: Lebendigkeit. Eine Nähe, die ihr fehlt. Wertschätzung und Anerkennung. Das Gefühl, wieder gesehen zu werden.
Aber eine Trennung? Nein. Was würde sie damit alles aufs Spiel setzen? Ihre Sicherheit, das Vertraute, vielleicht auch ihr Ansehen. Was würden die anderen denken? Und da ist das Versprechen, das sie ihrem Mann einmal gegeben hat. „Und trotzdem“, sagt sie leise, „kommt diese Stimme immer wieder: Bleib treu. Sie irritiert mich.“
Auf dem Heimweg rattert es in meinem Kopf. „Bleib treu.“ Aber wem?
Anja ist ihrem Mann doch treu. Oder ist sie es nicht mehr, nur weil sie bei einem anderen Menschen etwas spürt, das ihr fehlt? Wonach sehnt sie sich eigentlich wirklich? Nach diesem anderen Menschen? Oder nach dem Gefühl, das in seiner Nähe wieder auftaucht?
Vielleicht fehlt ihr gar nicht jemand anderes. Vielleicht fehlt ihr etwas von sich selbst.
Ich gehe langsamer. Die Stimme vom Morgen ist wieder da. Aber plötzlich klingt er ein wenig anders. Nicht mehr nur: „Bleib treu.“ Sondern: „Bleib mir treu.“
Ich bleibe stehen. Mir? Was ist damit gemeint?
Später gehe ich hinauf auf den Berg. Ich ziehe meine Schuhe aus und gehe barfuß über die Wiese. Ich spüre das Gras unter meinen Füßen, die Weite um mich herum. Mit jedem Schritt wird das Rattern in meinem Kopf ein wenig leiser. Und je stiller es wird, desto deutlicher höre ich diese Stimme. Woher kenne ich sie nur?
Ich setze mich ins Gras. Da erinnere ich mich an meinen eigenen Traum. An etwas, das ich einmal wirklich wollte und irgendwann zur Seite geschoben habe. Später. Wenn die Ausbildung abgeschlossen ist. Wenn das Projekt abgeschlossen ist. Wenn dieses oder jenes erledigt ist. Wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist.
Ich spüre, wie mir Tränen über die Wangen laufen. Ich beginne mit meiner Herzkohärenz-Atmung. Mein Atem wird ruhiger. Meine Gedanken werden leiser. Gleichzeitig werde ich wacher, mir sich “selbst” bewusster.
Und auf einmal erkenne ich diese Stimme. Sie war nicht erst heute Morgen da. Sie ist schon lange da.
Die Stimme meines Herzens ist da.
Der Verstand meldet sich trotzdem. Natürlich tut er das. Er erinnert mich an meine Ressourcen, an Risiken, an das, was realistisch ist und bedacht werden will. Und vielleicht ist das gut so. Vielleicht brauche ich seine Expertise.
Aber zum ersten Mal seit Langem höre ich beides.
Und dann, ganz unverhofft, ist da eine Idee. Vielleicht muss ich meinen Traum gar nicht aufgeben. Vielleicht muss er auch nicht genauso Wirklichkeit werden, wie ich ihn mir damals vorgestellt habe. Vielleicht gibt es einen anderen Weg. Einen, bei dem mein Verstand mitkommen kann – und mein Herz nicht zurückbleiben muss.
Ich muss lächeln. Ich stehe auf, spüre das Gras unter meinen Füßen und diese Lust, am liebsten gleich loszugehen.
Nicht kopflos. Nicht ohne nachzudenken. Aber auch nicht irgendwann.
Und da höre ich sie noch einmal, diese leise, inzwischen so vertraute Stimme:
„Bleib mir treu.“
Anja ist ein Pseudonym. Ihre Geschichte wurde aus unterschiedlichen Erfahrungen aus meiner Beratungspraxis verdichtet und so verändert, dass keine Rückschlüsse auf einzelne Personen möglich sind.