die Sorgen kommen

Schauend durch einen Tunnel ist eine Wasseroberfläche in der Sonne glitzernd zu sehen

Das Herz klopft! Wenn das Telefon läutet, ist da sofort dieser Gedanke: Könnte es der Notruf sein?

Auch die Träume sind manchmal beängstigend und verwirrend. Immer wieder drehen sie sich um dasselbe Thema: Schafft er es? Schafft er es, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen? Die Wohnung zu behalten? Sein Essen bezahlen zu können? Sie träumt. Sie träumt von neuen Auswegen aus der Situation, sogar von Hoffnung. Manchmal fühlt es sich leicht und froh an.

Es geht um ihren Bruder. Er lebt allein und hat seinen eigenen Lebensstil. Einen Lebensstil, der anders ist und ihr immer wieder Angst macht. Und dennoch behält er einen klaren Kopf, hat gerne Spaß und sagt zu ihr: „Mach dir keine Sorgen.“

Aber die Sorgen kommen.

Als sie zu mir in die Praxis kommt, sitzt sie ruhig vor mir. Ganz sachlich erzählt sie von ihren Sorgen. Davon, wie sehr sie darunter leidet und wie sie ihm am besten helfen könnte.

Sie würde gerne helfen. So sehr helfen.

Doch wessen Leid wird gelindert?

Seines? Ihres? Vielleicht beides?

Denn was wir beim Helfen manchmal vergessen: Der andere lebt sein Leben schon sehr lange auf seine Weise. Es ist seine Art, mit seinem Leben umzugehen. Und er hat auch das Recht, anders zu leben und zu sagen: Für mich ist es so in Ordnung, es ist seine Verantwortung, sein Leben.

„Mach dir keine Sorgen“, sagt er.

Aber hinter ihrer Sorge steckt auch die Angst, ihn zu verlieren. Und dahinter ist etwas sehr Wertvolles: eine Bindung, eine Liebe. Doch diese Liebe darf den anderen auch sein lassen. Ihn sein Leben leben lassen – nach seinem Wesen und auf eine Weise, die vielleicht nicht unsere wäre. Was hier zu raten ist, ist schwierig. Denn das Risiko, nicht einzugreifen, kann groß sein. Aber auch ein Eingreifen kann etwas verändern – gerade in der Beziehung zwischen Geschwistern.

Wie also kann diese Beziehung erhalten bleiben?

Vielleicht, indem sie da ist. Hilft, wenn Hilfe gebraucht wird. Und zuhört, wenn sie nichts tun kann.

Nicht alles übernehmen. Nicht alles lösen müssen.

Und vielleicht auch wieder mehr zu sich selbst zurückkehren. Die Sorge um ihn nicht so groß werden lassen, dass sie sich selbst darin verliert.

Für sich selbst sorgen, während sie mit ihrem Bruder verbunden bleibt.

Liebe besteht darin, daß zwei Einsamkeiten einander schützen, grenzen und grüßen.“ – Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter, Brief vom 14. Mai 1904.

Vielleicht bedeutet Vertrauen hier nicht, zu wissen, dass alles gut ausgehen wird. Sondern auszuhalten, dass ein Mensch, den wir lieben, seinen eigenen Weg geht – und dass wir nicht alles für ihn in der Hand haben.